Hat die Musikindustrie noch eine Chance im Neuen Jahrzehnt?
Man schrieb das Jahr 1989, an welches ich mich noch gerne zurück erinnere. Damals war ich noch als Vinyl-DJ tätig und es gab nur wenige Mailorder-Shops, von welchen man seine neuen Scheiben bezog um damit die Dancefloors zu füllen. Und so blieb einem nichts anderes übrig, als in die nächst größere Stadt zum Vinylhändler zu fahren. Oder man fuhr in die Städte, wo die Musikszene brodelte. Nach Mailand, London oder Frankfurt.
Das Wissen um die Musik hatte man über Tapes, die Bekannte von ihren Kurztrips mitbrachten oder von Radiosendern, die man nachts – zwar nur in schlechter Qualität – immerhin empfangen konnte. Es gab damals eine Menge Radiosender, die einfach das machten, worauf sie Lust hatten. Neues wagen und Neue Musik spielen. Das pure Leben eben.
Für den Endkonsumenten begann bald der Siegeszug der CD und aus den Wohnzimmern klang es bald nur noch glasklar und digital. Für DJs und wahre Liebhaber ist aber auch im Jahre 2010 die Vinylscheibe der einzig echte Favorit.
Bereits im Zeitalter der noch neuen Compact Disc merkte die Musikindustrie einen Rückgang der Umsätze. Klar, weil bereits damals das Kopieren, zunächst noch auf Kassetten, begann. Die Industrie machte aber weiter wie bisher. Schon in den 1990er Jahren wurde der Markt jede Woche mit Neuerscheinungen überflutet. Eine Selektion fand nicht statt. Und schon damals wurde immer nur auf die gleichen Zugpferde der Szene gesetzt.
Mitte der 90er wurde das Internet kommerziell und jeder kennt die Geschichte. Die Entwicklung des MP3-Formates und die entstehenden Tauschbörsen waren das Grab für viele Labels und das Ende vieler Karrieren in der Branche. MP3 wurde von der Industrie völlig verschlafen und bis heute gibt es nur wenig erfolgreiche Umsetzungen, die die Menschen zum Umdenken bringen könnte. Auch auf djdanube.de merkt man diese Einstellung: jede dritte Suchanfrage lautet auf “Download” oder “Share”.
Doch nicht nur die Technik ist Schuld an dieser Entwicklung. Wer ein Internetradio in seinem Besitz hat, weiß wovon ich spreche. Im Netz gibt es unzählige Webradios – und ich meine die reinen Webradios – die keine Wünsche offen lassen und für den neugierigen Hörer alles bieten, was dieser begehrt.
Die lokalen Radiosender kann man getrost einige Wochen abschalten. Wer dann wieder reinhört, wird feststellen, dass sich an der Musikauswahl nichts geändert hat. Anstatt auch hier auf echte Abwechslung zu setzen, wird dies dem Hörer nur durch Claims und Promos suggeriert.
Alternative Künstler haben seit MySpace und Co. zwar eine Plattform für ihre Musik gefunden, die Masse hängt aber immer noch zu sehr am Mainstream fest. Das Gejammer ist groß – und sicher kennt jeder jemanden, dem das auch so geht. Aber die Alternativen gibt es bereits, man muss nur die Augen und Ohren hierfür öffnen.
Bislang sind die Alternativen nur im Netz, oder als “Ausbildungsradio” deklariert. Wer aber neugierig bleibt, der entdeckt gute Musiker auch in seiner Stadt, bei einem Studentenkonzert oder ähnlichem. Wer weiß, vielleicht erkennen die Radiosender, erkennt die Industrie, dass uns der seichte Einheitsbrei, den sie uns servieren, aus dem Hals raushängt. Vielleicht tun sie das – und wenn nicht: wir haben schon längst abgeschaltet.
Linktipps:
Radio M 94,5
FM4
Traxx
Radio Nova (Frankreich)
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